Das Ziel von Integrationskursen ist bekanntlich die Niveaustufe B1. Und diese Kurse haben es erst kürzlich wieder in die Medien geschafft. Das nehme ich zum Anlass, um einmal zu erklären, was hinter dem Begriff steht.
B1. Das Zauberwort, wenn es im die Integration von Geflüchteten geht. Die Integrationskursteilnehmer sehen es ständig vor sich. Immer wieder taucht es irgendwo auf. In Talkshows, wenn sich Politiker verhaspeln und damit preisgeben, dass sie zwar über das Thema reden wollen, sich aber nicht ganz damit auseinandergesetzt haben. Wenn auch die Moderatorin darüber stolpert. In Zeitungen, wenn es um die Integration in den Arbeitsmarkt geht. Man brauche B1 heißt es hier und dort, manchmal auch B2 oder C1. Aber mindestens B1, das Sprachniveau, das Ausländer erreichen müssen, wenn sie eine Niederlassungserlaubnis oder einen deutschen Pass bekommen wollen. Das viele Arbeitgeber verlangen. Aber was um Himmels willen bedeutet diese Kombination aus Buchstabe und Zahl? Wie viel Sprache kann man denn, wenn man dieses Niveau erreicht hat?
Kleine Selbstkontrolle
Sprechen Sie eine Fremdsprache? Bestimmt. Und welches Niveau haben Sie da? Das wissen Sie nicht. Warum sollten Sie auch. Sie haben in der Schule Englisch gelernt, eventuell auch Französisch, Spanisch oder Russisch. Sie können sich vielleicht ganz gut verständigen, vielleicht sogar sehr gut, vielleicht reicht es auch nur, um einen Kaffee zu bestellen. Tatsache ist, die meisten von Ihnen brauchen kein Zertifikat, auf dem das Niveau angegeben ist. Die meisten von Ihnen sind nämlich nicht in ein anderes Land umgezogen, wo sie von den dort lebenden Leuten beäugt werden und die Frage im Raum hängt, ob da vielleicht ein B1 …? Und deshalb ist es auch nicht schlimm, dass Sie nicht wissen, was B1 ist.
Auflösung: Im Allgemeinen gilt, dass Sie mit Beendigung der 10. Klasse B1 in Englisch erreicht haben (sollten).
Fortgeschrittene Sprachverwendung
Im Jahre 2001 wurde der Gemeinsame europäische Referenzrahmen (GER) für Sprachen veröffentlicht. Die Idee dahinter war, Sprachkompetenzen vergleichbar zu machen, damit Menschen beispielsweise in einem anderen Land studieren oder einen bestimmten Beruf ausüben können.
Für das Niveau B1 findet sich im GER folgende Definition:
Fortgeschrittene Sprachverwendung
B1
| Kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. Kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet. Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern. Kann über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben. |
Jemand mit dem Niveau B1 kann also kommunizieren, beispielsweise auf der Arbeit, beim Arzt, mit Behörden. Worum es dabei nicht geht, ist eine fehlerfreie Grammatik oder eine akzentfreie Aussprache. Wichtig ist außerdem, dass man einen Brief schreiben kann oder ganz gut im Lese- und Hörverstehen ist.
Fokus auf Kommunikation
Tatsächlich erreicht man B1 beim Deutsch-Test für Zuwanderer schon, wenn man nur zwei der drei Teile „Hören/Lesen“, „Schreiben“ und „Sprechen“ mit B1 besteht. Kein B1-Zertifikat bekommt man allerdings, wenn man dieses Niveau im Teil „Sprechen“ nicht erreicht, denn auf der mündlichen Kommunikation liegt der Fokus der Prüfung. Das ist auch richtig so, denn nicht jeder muss in seinem Leben Briefe schreiben können, dafür gibt es andere Hilfsmittel, die auch so mancher Muttersprachler nutzt. Allerdings wird kein B1-Zertifikat ausgestellt, wenn man nur im Sprechen das Niveau B1 erreicht hat.
B1 sagt nichts über die kommunikativen Fähigkeiten aus
Vor ein paar Jahren saß ich mit einer Kollegin zusammen. Ich erzählte ihr, dass mein Partner aus Montenegro stammt und die B1-Prüfung gemacht hatte, um die Niederlassungserlaubnis zu erhalten. Meine Kollegin fragte mich ganz erschrocken, wie wir uns denn unterhalten würden, es sei doch nicht möglich, tiefgründigere Gespräche mit jemandem zu führen, der nur B1 hat. Und das wolle man in einer Partnerschaft doch, oder? Was sie nicht wusste, war, dass mein Partner schon etwa 15 Jahre im deutschsprachigen Raum gelebt hatte und sich über alles unterhalten konnte, egal, ob über Rückenschmerzen, Hausrenovierung oder die Abholzung des Regenwaldes. Sie wusste auch nicht, dass er die Prüfung beim ersten Anlauf nicht geschafft hatte, weil Gewinnspielankündigungen im Radio oder das Verfassen von Briefen in seinem Leben keine Rolle spielten, beim zweiten Mal sechs Wochen später aber schon, weil er sich besser auf diese Aufgabentypen vorbereitet hatte. Als Lehrerin hatte sie nur dieses Zertifikat vor Augen, wissend, welche Mindestanforderungen dafür gelten.
Das Beispiel zeigt gut, dass ein Papier mit einem Buchstaben und einer Zahl darauf nicht viel über die Kommunikationsfähigkeiten einer Person aussagt. Die Arbeitgeber meines Partners (im Handwerk) wollten nur, dass er sie und seine Kollegen versteht und andersherum. Nicht dass sie es jemals verlangt hätten, aber für sie wäre ein Zertifikat ausreichend gewesen, dass besagt, dass er im Sprechen B1 hat. Damit konnte er wunderbar am Berufs- und am gesellschaftlichen Leben teilhaben.
Manchmal ist es auch anders. Da schafft ein Kursteilnehmer den Teil „Sprechen“ ganz knapp, und am Ende fragt man sich, wie das sein kann, wenn er noch nicht einmal das Wort Knie versteht und nur in Einwortsätzen antwortet. Es liegt daran, dass die Lehrerin ihre Gruppe genau auf die Prüfungssituationen gedrillt hat.
Zufrieden mit der Erklärung?
Kommen wir zur Frage zurück, was eigentlich hinter B1 steckt. Ich meine, das mit der „fortgeschrittenen Sprachverwendung“ ist wirklich irreführend. Zu viel hängt hier an der Person, die das Zertifikat besitzt oder erreichen will. Und damit ist klar: B1 bleibt ein abstrakter Begriff.

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