Das Knie!
Auch DaZ-Lehrkräfte haben ein Privatleben. Sie merken vielleicht nicht immer etwas davon, weil sie, vor allem in Kleinstädten, ihren Teilnehmern überall begegnen und dabei dann vielleicht auch schnell noch ein Problem lösen sollen. Oder weil sie den Teil ihres Gehirns, der für die Arbeit zuständig ist, nie ganz ausschalten, was dazu führt, dass er in bestimmten Situationen aktiviert wird. Mir passiert das jedenfalls öfters, heute im meinem Stammcafé.
Das Café wird von einem Afghanen geführt. Es verfügt über Ferienwohnungen, einige Zimmer sind an Langzeitmieter vergeben, ebenfalls größtenteils Afghanen. Das Café hat momentan Winterpause, was aber nicht heißt, dass man komplett ausgeschlossen ist, ich gehöre quasi zur Familie und bin auch nützlich, weil man mich immer fragen kann, wenn es ein Problem mit der deutschen Sprache gibt.
Heute jedenfalls sind alle da, der Besitzer, der Angestellte, der Langzeitmieter, es wurde geräumt, geputzt, organisiert, denn am Freitag öffnet das Café wieder. Oh, und dann ist da noch die Schwiegermutter des Besitzers (Oma Anne, sehr deutsch). Sie hat wirklich schwer zu kämpfen mit den Afghanen, einerseits wegen der Mentalität, andererseits wegen der Deutschkenntnisse.
Oma Anne beschäftigt sich in der Küche, sie putzt die Spülmaschine und die Ablage daneben. In der Ablage befindet sich ein Metallrahmen, den sie gerne entfernen möchte. Leider geht das nicht so einfach, ihr Schwiegersohn kommt und erklärt, dass eine Schraube entfernt werden muss. Er schickt den afghanischen Langzeitmieter Sofi, dessen Gruppe ich in den vergangenen Monaten ein paar Mal unterrichtet habe.
Sofi, das muss hier noch gesagt werden, hat beim Deutschtest für Zuwanderer (DTZ) im Dezember A2 erreicht, nicht B1. Nun ist es so, dass das Zielniveau für Alphabetisierungskurse tatsächlich auch A2 ist, nur ein gutes Drittel der Teilnehmer schafft B1, denn zuerst wollen ja Schreiben und Lesen gelernt sein. Sofi hat also das vom BAMF anvisierte Ziel erreicht. Trotzdem wäre B1 natürlich besser gewesen, denn sollte Sofi irgendwann einmal eine Niederlassungserlaubnis für Deutschland benötigen, muss er B1 nachweisen.
Egal. Sofi kommt also mit dem Schraubenzieher an, um die Schraube zu lösen. Er kniet sich vor den Metallschrank und sucht ein bisschen herum, und Oma Anne, deutsch wie sie ist, hält ihm einen Lappen hin und meint: „Hier, den kannst du dir unter die Knie legen“. Sofi reagiert nicht, und Anne fährt im Plauderton fort: „Weißt du überhaupt, was ein Knie ist?“ Keine Reaktion. Ich verlasse grinsend die Küche und denke: Oma Anne ist einfach eine Marke.
PS: Eigentlich sollte Sofi seit gut einem Jahr wissen, was ein Knie ist. Ganz sicher weiß er es auch, nur vielleicht nicht auf Deutsch, oder einfach nur momentan nicht, weil das Wort in seinem Alltagswortschatz nie vorkommt. Viel wichtiger sind nämlich Wörter wie »Glaubens- und Gewissensfreiheit«, denn er ist im Orientierungskurs und lernt den Stoff für den Test »Leben in Deutschland«, umgangssprachlich auch Politiktest genannt, mit dem der Integrationskurs abschließt. Da darf er das Knie guten Gewissens auch einmal vergessen. Das glaube ich jedenfalls.


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